Mai 2018: Bali

BALI – Insel der Götter, der Muße und des Lebens im Hier und Jetzt

Vor meiner Reise nach Bali hatte ich die üblichen Bilder von unendlichen Reisterrassen und unzähligen Tempeln vor Augen. Jedoch hat mich ein gänzlich anderes Thema in seinen Bann gezogen. Ein Thema, auf das sowohl im Yoga als auch im Ayurveda immer wieder in den Philosophien Bezug genommen wird. Nun endlich konnte ich einmal einen Hauch davon selbst erleben und erfahren.

Die Menschen in Bali scheinen Muße nicht als ein Luxusgut zu sehen, sondern als ein Lebensprinzip. Es werden die Tätigkeiten des Alltags ohne großes Hinterfragen aber dafür mit Hingabe verrichtet. Durch die ländliche Prägung Balis sind dies meist Arbeiten in der Landwirtschaft, der Fischerei und dem Tourismus. Da auf Grund der tropischen Hitze eine recht lange Mittagspause ansteht, ist ein Großteil des Tages der Muße geschuldet. Ohne einen ökonomischen Nutzen und völlig zweckfrei wird diese Zeit verbracht – Fischer sitzen im Schatten und schauen stundenlang aufs Meer, Reisbauern schlafen oder dösen in den offenen und überdachten Plattformen der Höfe, Köche und Restaurantbesitzer sitzen im Schatten der Dächer und beobachten ihre Umgebung. Alles um einen herum scheint in Lethargie zu versinken und frönt einer von mir ungekannten Art der Muße. Der Blick und das Denken dieser Menschen scheinen wie leer gefegt zu sein. Es ist ein Ankommen im Hier und Jetzt ohne Gedanken an Zukunft und Vergangenheit – es ist das pure Sein. Es entsteht eine Art von Stille, die nicht aus der Lautlosigkeit des Umfeldes entsteht, sondern aus dem Inneren der Menschen (oder der ganzen Insel).
Ich habe diesen Zustand ebenfalls versucht zu erreichen und war immer wieder erstaunt, wie schwer es ist, nicht zu denken und das Gefühl nach Kommunikation zu unterdrücken. Immer wieder überkam mich der Impuls, doch etwas zu machen – zu lesen, einen Spaziergang zu machen, im Internet zu recherchieren. Ich musste mich regelrecht zwingen, all das nicht zu tun. Und dann entstand manchmal für einen kurzen Moment diese Art der Stille, die scheinbar alles umfasst.

Zurück in Berlin verlor ich dieses Gefühl sehr schnell wieder – leider. Die vedischen Philosophien des Yoga und Ayurveda sehen Momente der Muße (des Nichtstun) als wichtige Ausgleichszeiten zur produktiven Zeit des Alltags, als wichtigen Aspekt des sich Erholens, als Zeit, um neue Einsichten zu gewinnen, Perspektiven zu entwickeln, Energie zu sammeln, sich wohl zu fühlen und gesund zu bleiben. Im Kopf ist mir das auch alles klar, aber in der Umsetzung stehen die Ansichten der westlichen Gesellschaft dem entgegen: vergeudete Zeit, Faulheit, Trägheit, unproduktiv, Langeweile.
Ein Sprichwort sagt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“.

Wenn man jedoch seine Umwelt genau beobachtet, dann gibt es Muße und Müßiggang auch in der westlichen Gesellschaft – akzeptiert bei alten Menschen und Kindern (hier als Langeweile bezeichnet). Damit im Zusammenhang fiel mir ein Zitat ein, dass mich in meiner früheren Tätigkeit als Lehrerin/Sonderpädagogin beeinflusst hat: „Kinder müssen in ihrer eigenen Langeweile versinken, damit die Welt um sie herum so still wird, dass sie sich selbst hören und spüren können“. Ich weiß allerdings nicht mehr, von wem dieses Zitat stammt. Heute würde ich sagen, dass dieses Zitat nicht nur auf Kinder zugeschnitten sein sollte. Auch und gerade als Erwachsene unterliegen wir einem Leistungsanspruch – unserem eigenen oder dem anderer. Dieser lässt Zeiten der Muße immer kürzer werden oder ganz verschwinden. Damit verlieren wir auch uns selbst – unser Spüren, unser Körpergefühl, unsere Verbindung zur Seele. Aber auch Erwachsene müssen sich spüren und hören.

Und so schließe ich mich heute dem Satz von Oscar Wilde an, dass „Gar nichts tun die allerschwierigste Beschäftigung ist und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt“. Und ich werde mich weiter in Müßiggang und Muße üben. Es wäre schön, diese balinesische Art der Stille auch hier in Berlin finden zu können.

In diesem Sinne wünschen wir euch mußevolle Zeiten gerade jetzt, im sinnesreichen Monat Mai!

Namaste
Azade und Nora

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