September 2018: Stressbeschwerden

Mit Erstaunen habe ich in den Wochen dieses Sommers festgestellt, dass gerade in dieser doch eigentlich entspannten Zeit des Jahres die Spannungen bei vielen zugenommen haben. Die typischen Stressbeschwerden reichten von Hexenschuss, Schulter- und Kieferverspannungen bis hin zu Überlastungssymptomen und Burn out bzw. Depression. Für mich war dies ein Grund, mich mit diesem Thema nochmals intensiver auseinander zu setzen – sowohl aus yogischer als auch aus ayurvedischer Sicht. Denn beide Systeme sind geradezu prädistiniert für den Umgang mit Stress und Spannung.

Was genau aber ist Stress eigentlich? Über die Zeit hat sich aus verschiedenen Blickwinkeln eine reiche Auswahl an Definitionen von Stress entwickelt. Ihnen allen ist gemein, von Stressoren vorwiegend in der Außenwelt zu sprechen. Diese äußeren Stressoren begleiten die Menschen seit der Entstehung des Homo Sapiens, verändert hat sich nur ihr „Inhalt“. Während die Kulturen von Jägern und Sammlern den größten Stress in der Flucht vor anderen Raubtieren sowie in der Sicherung der Nahrung hatten, entstand der Stress der bäuerlichen Kulturen aus dem komplexer werdenden sozialen Miteinander. Schaut man so weit zurück, wird klar, dass es ein Leben ohne Stress nicht gibt.

Das Hauptproblem der heutigen Zeit ist aber, dass „wir uns in den letzten Jahrzehnten eine Konsum- und Leistungsgesellschaft erschaffen haben, in der grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass jeder Mensch (gefälligst) etwas aus sich zu machen hat. Von Kindesbeinen an werden wir ununterbrochen dazu angehalten, uns intensiv darum zu bemühen, etwas zu werden. Diese allgemein verbreitete Sichtweise bedeutet, dass wir so, wie wir in diese Welt eintreten, nicht ausreichen. Das Leben und das Dasein an sich erfährt keine Wertschätzung.“ (Anna Trökes: Anti Stress Yoga) Leistung ist es, die in unserer Gesellschaft etwas wert ist und gefordert wird. Häufig wird die geforderte Leistung jedoch zur Überforderung. Nicht unbedingt, weil uns etwas inhaltlich überfordert, sondern weil hinter dem Begriff der Leistung auch ein Zeitdruck und Perfektion stehen. Und so entsteht das Gefühl, diesen Stressoren ohnmächtig ausgeliefert zu sein.
Ohne eine Verfechterin eines Hausfrauendaseins zu sein, zeigt sich diese Überforderung unserer Gesellschaft am besten bei Frauen. Die moderne Frau von heute ist alles: Mutter, Ehefrau, Arbeitnehmerin oder Unternehmerin, Haushälterin, Erzieherin, Beraterin und kompetente Gesprächspartnerin. Und alle diese Aufgaben bitte mit einem Mindestmaß an Perfektion. Das ist Überforderung!

Stress, wodurch auch immer ausgelöst, setzt eine Reihe körperlicher Reaktionen in Gang – z.B. vermehrte Ausschüttung von Adrenalin, Erhöhung der Muskeldurchblutung und Muskelspannung, Verschärfung der Sinneswahrnehmung, Erhöhung des Blutdrucks. Diese körperlichen Symptome werden abgebaut durch körperliche Aktivität – evolutionär betrachtet durch Flucht oder Kampf. War es vorbei, entspannte sich das gesamte System wieder und der Blutdruck sank, die Muskelspannung hatte sich durch die Bewegung gelöst. Nicht so heute – wir verbleiben länger in Stresssituationen und wir agieren die körperlichen Reaktionen nicht aus. Die Muskelspannung bleibt hoch, der Blutdruck sinkt nicht ausreichend. Körperlich baut sich Stress auf und so wird der Körper selbst zu einem weiteren Stressor.

Interessant ist jedoch das ayurvedische und yogische Verständnis von Stress. Denn beschrieben wird dieses Phänomen bereits in den Veden sowie in den Yoga Sutras des Patanjali vor 2000 Jahren. Man geht hier nicht von äußeren Stressoren aus, sondern von unserer geistigen Einstellung gegenüber der Situation. Kurz gesagt beginnt Stress im Kopf! Wenn wir diesen Blickwinkel akzeptieren können, sind wir der Stresskaskade nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert, sondern können wieder selbstwirksam werden. Das heißt in der heutigen Gesellschaft aber auch, unnötige Leistungsanforderungen zu erkennen und zu vermeiden.
Die ganzheitliche ayurvedische Betrachtung von Erschöpfungssymptomatiken beinhaltet eine Stressanalyse und eine damit einhergehende Überprüfung der Veränderbarkeit oder Beendigung von Stresssituationen im Außen und als Hauptteil eine mentale Arbeit, um die eigene Sichtweise auf die Stressoren zu verändern. Selbsterklärend beinhaltet eine ganzheitliche Herangehensweise natürlich auch körperliche Aspekte, um die körperlichen Stressreaktionen wieder abzubauen und nicht auf der Couch zu potenzieren. Es ist ein hartes Stück Arbeit an und mit uns selbst, aber es beendet die Ohnmacht und gibt uns die Macht über unser Leben zurück. Stress kann so zu einem Entwicklungspotenzial werden.
Und wir haben es selbst in der Hand!

Genießt den Altweibersommer, geht raus und bewegt euch, lasst euch von den Farben des Herbstes berauschen in einem hoffentlich goldenen September/Oktober!

Nora

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