Oktober 2018: Gelassenheit

Gelassenheit – ein nicht häufig genutztes Wort in unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Und wenn es benutzt wird, dann hat es oft einen leicht negativen Nachhall im Sinne von Desinteresse, Emotionslos. Wir begegnen diesem Begriff aber immer wieder im Yoga und Ayurveda sowie in anderen asiatischen Philosophien oder Religionen. Hier meint er „Innere Ruhe trotz äußerer widriger Umstände“. Und genau diese kann man im Alltag der Menschen beobachten, so wie Azade ihm begegnet ist auf ihrer Bhutanreise:

What to do, La?

Dieser 6-wöchige "kurze" Aufenthalt in Bhutan und Indien sollte dazu dienen, meine Kontakte in meinem Forschungsgebiet weiter auszubauen und alles für die lange, ca. 6-monatige Forschungsreise, die im Winter beginnen sollte, vorzubereiten. Mein Forschungsgebiet liegt im Südwesten Bhutans. 5 Dörfer, verteilt auf 4 Blöcke in 2 Distrikten. Um in Bhutan überhaupt irgendwohin fahren zu können braucht man als Chillip (Ausländer) Genehmigungen, sogenannte Route Permits. Für jeden Distrikt und jeden Block den man besuchen möchte, muss man vorab im Immigration Office in der Hauptstadt Thimphu eine Genehmigung einholen. Für Touristen machen dass die Agenturen, über die man gebucht hat. Doppelt unkompliziert, weil die Ziele der Touristen klar definiert und stark begrenzt sind.

In meinem Fall ist das Prozedere etwas aufwändiger. Ich bin auf Einladung des CBS - Centre for Bhutan Studies, einer staatlichen Institution, in Bhutan und habe somit einen besonderen Status. Mit einem Schreiben des CBS an den Director of Immigration und an der Hand eines CBS Mitarbeiters habe ich mich also auf den Weg ins Immigration Office gemacht, um meine Route Permits zu beantragen. Erst wurde mein Antrag abgelehnt, weil das indische Visum fehle (tut es nicht), dann, weil ich ein "Double Entry Visum" für Bhutan brauche (brauche ich nicht, ich muss das Land nicht verlassen um in "mein" Forschungsgebiet zu kommen. Es gibt eine Brücke, die ich bereits einmal überquert habe.). Auch nachdem ich Fotos von meiner letzten Brückenüberquerung gezeigt habe, war klar: Ich komme ohne Double Entry Visa nicht weiter. Ich habe mich also bereit erklärt den gesalzenen Aufpreis für das Visum zu bezahlen und einen gesonderten Antrag dafür gestellt. Dieser wurde prompt abgelehnt. Nicht überraschend, da in Bhutan gerade Wahlen stattfinden und die Grenzen doppelt streng bewacht sind. Doch die Dame, die meinen Antrag abgelehnt hat hat eingesehen, dass ich das Visum nicht brauche und mich also entsprechend zurückgeschickt um mein Route Permit zu holen. Am Ende eines langen Tages wurde mein Route Permit verweigert mit der Begründung, dass Beamte zum Zeitraum der Wahlen die Dörfer nicht besuchen dürfen. Dies dient dazu, unlauteren Wahlkampf zu vermeiden. Als Gast des CBS bin ich mit einer Institution affiliiert, deren Mitarbeiter momentan im eigenen Land nicht verreisen dürfen. Dass ich keine Genehmigung bekommen habe ist also nur konsequent. Dennoch hat das CBS einen neuen Versuch unternommen, Genehmigungen für mich zu bekommen. Vergeblich. Des Weiteren hat der Direktor des Immigration Office verlauten lassen, dass es für genau diese Orte auch in Zukunft keine Genehmigungen geben wird. Das kann viele Gründe haben. Über diese hier zu spekulieren würde den Rahmen sprengen.

Die Anträge, Diskussionen, Bitten und Schreiben... das Rennen von Office zu Office hat knapp zwei Wochen in Anspruch genommen. Als ich absehen konnte, dass ich nicht weiterkomme, habe ich die junge Frau aus der Gemeinschaft, über die ich forsche, nach Thimphu eingeladen, um hier mit mir an der Sprache zu arbeiten. Der emotionale, physische und finanzielle Aufwand der letzten Wochen war enorm.

Ich habe mich außerdem entschieden, Bhutan eine Woche früher als geplant zu verlassen, um mir ein Dorf an der Indo-Bhutanesischen Grenze anzuschauen. Dieser Ausflug war von vornherein geplant, da ich eine grenzübergreifende Verbindung zwischen zwei vermeintlich unabhängigen Gemeinschaften vermute. Nun wird der Aufenthalt an einem fremden Dorf der Hauptteil dieser Reise. Es ist unklar, ob ich dort Unterkunft und Zugang finde. Ob sich meine Vermutungen bestätigen und inwieweit diese überhaupt Relevanz haben, wenn ich nicht an den Ort meiner eigentlichen Forschung zurückkehren darf.

Die Bhutanesen sind sehr respektvoll und zurückhaltend. Die Endung "La" wird ähnlich benutzt wie im Englischen "Madam" oder "Sir":

Kadrin chhe, La = Danke, Madam.
Kuzu zangpo, La = Guten Tag, Madam
Las, La = Ok, Madam.

In Verbindung mit dem obligatorischen La ist der englische Ausdruck "What to do, La?" (Was soll man machen?) häufig zu hören. Oft mehrmals am Tag. Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, dass dieser Ausdruck keine Ohnmacht ob der Umstände ausdrückt. Vielmehr spiegelt er die (uns im Westen so fremde) Lebenseinstellung wieder, dass so vieles einfach außerhalb unserer Kontrolle liegt. Das in manchen Situation der Versuch, das Ruder kämpferisch an uns zu reißen ein zum Scheitern verurteilter ist. Das Loslassen eine valide Option ist. Und das die Tatsache, dass wir nicht alles krampfhaft in der Hand haben unseren Wert als Person nicht schmälert.

"What to do, La?"

Im Moment ist das meine tägliche Praxis.

Ich freue mich, dass ich im November wieder für ein paar Wochen in Berlin und im Akasha sein werde. An einigen Terminen vertrete ich Nora bei den Yogakursen.

Außerdem biete ich auf Wunsch Einzelstunden nach Vereinbarung an.

In Demut,
Azade

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